Reisen trotz Handicap

Manchmal ist es alles andere als einfach. Wenn ich zum Beispiel wieder mal vor einer Stufe ohne Geländer stehe oder aber gerne diese verflixten Sanddünen sehen möchte, die Straße für Sams aber mehr als ungeeignet ist und der Fußmarsch einfach mind. 40 Minuten betragen würde. Ja oft verzweifle ich dann und denke mir: Warum ich? Warum kann ich nicht gesund sein, wie alle anderen Reisenden? Ich würde mich auch so gerne frei bewegen, rennen und klettern können. Aber das geht eben leider nicht…

Weltreise trotz Muskelschwäche?

Sams und Kathi in Bolivien
Sams und Kathi in Bolivien

Jahrelang hab ich versucht, mein Problem irgendwie zu verheimlichen. Ich merkte, dass mir das Treppen steigen immer schwerer fällt und laufen war irgendwie auch nicht mehr drin. Meine Knie spielten irgendwie nicht mit. Aus Angst, mich einer Kniegelenks-OP unterziehen zu müssen, vermied ich jeden Arzt. Irgendwann aber fiel es meiner Familie langsam auf und meine Schwester zwang mich sozusagen zu einem Arztbesuch. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich brachte unzählige Arztbesuche hinter mich, verbrachte knapp zwei Wochen im FBI in München (Muskel-Spezialklinik), in der sie mich auf Herz und Nieren durchcheckten. Leider ergebnislos – zumindest was einen Namen für die Krankheit anbelangt. Ja, es handelt sich um eine Muskelschwäche, aber welche jetzt genau und wie’s weitergeht mit mir, konnte mir kein einziger Arzt sagen. Ganz schön deprimierend.

Die Gedanken kreisten in meinem Kopf. Was, wenn ich in fünf Jahren im Rollstuhl sitze, weil sich die Krankheitssymptome ausweiten und meine Muskeln immer schwächer werden? Ich wollte ungern nochmal so eine Phase durchmachen wie damals, als ich versucht habe, die Schwäche zu verheimlichen: Ich war viel zu Hause und verabredete mich nicht an unbekannten Orten. Wer weiß wie viele Treppenstufen dort auf mich warten und welche Ausreden ich mir wieder einfallen lassen muss? Nein. Bevor ich mich nur noch fahrend fortbewegen kann wollte ich raus in die weite Welt. Und so fasste ich den Entschluss, mir meinen Traum einer Weltreise zu erfüllen. Ich fand meine Reisepartnerin Katja, die von der ersten Sekunde an keinerlei Probleme mit der Krankheit hatte, und verließ Europa.

Wie beeinträchtigt mich die Muskelschwäche?

Wanderstöcke von meiner besten Freundin; Südafrika
Wanderstöcke von meiner besten Freundin; Südafrika

Ihr müsst euch das so vorstellen: Meine Muskeln sind dauerhaft aktiv und arbeiten, auch wenn ich sie nicht brauche. Sobald sie dann etwas tun sollen, sind sie schwach und werden immer schwächer. Beispiel: Obwohl mein Arm ruht und gerade nichts aktiv macht, arbeiten seine Muskeln. Sobald er dann eine Tasche hochheben soll, ist er müde. Klar, er war ja auch die ganze Zeit aktiv.

Die Muskelschwäche betrifft meinen kompletten Körper, dabei sind Herz, Lunge und z. B. meine Augen-Muskeln derzeit voll ok. Hauptsächlich verspüre ich die Schwäche in meinen Beinen, weshalb es mir nicht möglich ist, längere Strecken zurückzulegen. Ich kann gehen, um Gottes Willen. Aber eben nicht so flott wie manch anderer, der keine Mobilitätsprobleme hat. Steigungen fallen mir schwer, Treppen sind anstrengend. Es geht fast alles, nur bin ich danach meist gut kaputt.

Was hat mir die bisherige Reise hinsichtlich der Krankheit gebracht?

Hinfallen, aufstehen, Krone richten, lächeln
Hinfallen, aufstehen, Krone richten, lächeln

Auf meiner bisher 8-monatigen Weltreise hab ich so einiges gelernt:

  • Ich kann viel, viel mehr, als mir bewusst ist. Oft benötige ich gar keine wirkliche Hilfe, sehr oft reicht ein kleiner Finger, an dem ich mich festhalten kann, nur um zu wissen, da ist Hilfe da, für den Fall dass…
  • Ich hab gelernt, um Hilfe zu bitten. Die meisten Menschen helfen gerne und sind super fürsorglich. Meine anfängliche Scheu, beispielsweise wenn ich aufgrund der Schwäche stürze, ist verflogen. Ich kann nun ohne Probleme sofort mitteilen, wie man mir am besten helfen kann und was mein Problem ist. In Neuseeland bin ich mal über meinen Flip Flop gefallen und sofort kamen ca. 10 Marktleute angestürmt, die mir aufhalfen und mich auf einen Stuhl setzten. Ich solle mir eine Mütze aufsetzen, bei dieser Hitze… 🙂 Die haben alle auf einmal gequasselt, da kam ich gar nicht zu Wort. Die Hitze macht mir doch nix aus 😉
  • Ich hab gelernt, keine Angst zu haben. Ja gut, ich kann nicht wegrennen. Aber ich kam bisher auch noch kein einziges Mal in eine Situation, in der ich wegrennen hätte müssen. Und ich bin seit zwei Monaten auch alleine unterwegs hier in Südamerika. Von wegen alles so gefährlich…
  • Ich hab gelernt, über mich hinaus zu wachsen. Ich stecke mir für mich auf den ersten Blick unerreichbare Ziele und erreiche sie dann auch. Schließlich kann ich mehr, als ich denke.

Wie sehe ich meine Zukunft – jetzt nach 8 Monaten Reisen?

Mittlerweile weiß ich, dass ich in 5 Jahren sicherlich nicht im Rollstuhl sitzen werde. Im Gegenteil. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich diese Krankheit loswerde. Viele Krankheiten bleiben bestehen, weil sie im Kopf der Patienten verankert sind. Ich akzeptiere diese Schwäche nicht weiterhin, die kann dort hingehen, wo der Pfeffer wächst… Der Schlüssel zu meiner Gesundheit ist ein lachendes Herz. Und seitdem ich auf Reisen bin, bin ich glücklich. Die letzten 8 Jahre konnte ich immer eine schleichende Verschlechterung feststellen. Seit September 2016 irgendwie komischerweise nicht mehr… 🙂 Gesund werden beginnt im Kopf.

Warum erzähle ich meine Geschichte?

Ja, ich geb ganz schön viel preis von mir. Warum? Aus einem ganz bestimmten Grund: Ich möchte anderen Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation wie ich befinden, Mut machen. Traut euch! Reisen bereichert einen so sehr. Reisen macht glücklich. Reisen kann gesund machen. Wenn ich das kann, dann könnt ihr das schon lange! 🙂

Eure Kathi

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