Erdbeben in Mexiko: Und plötzlich wackelt alles

Progreso, Mexiko. Es ist herrlich. Ich hab grad aus meinem airbnb-Zimmer ausgecheckt, bin über die Straße gelaufen und sitze jetzt auf einem umgedrehten Boot. Unter mir weißer Sand. Vor mir türkisblaues Meer, Wellengang. Um mich herum unzählige Fischerboote, die ein oder andere Palme, Möwen und Gott sei Dank Wind. Ohne Wind würd ich hier eingehen, es ist nämlich brutzelheiß. Immerhin hatte ich heute noch nicht das Gefühl, der Boden unter mir würde wackeln…

Days travelled: 389
Distance travelled by car: 66.965 km 
Beds I slept in: aprox. 125 (includes cars & campers)
Countries: 11

Progreso, Yucatán (Mexiko)Ich merke gerade, dass meine Hände heute nicht so mitspielen. Kein Wunder, meine Beine sind heute auch alles andere als stark. Eigentlich sind meine Muskeln schwach, seitdem ich hier vor zwei Tagen ankam. Warum? Vielleicht wegen des Flugs? Nach Flügen fühl ich mich immer schwach. Vielleicht liegt’s aber auch am hohen Energielevel Yucatans (Bundesstaat in Mexiko). Der Ort hier soll wohl energetisch relativ hoch sein. Und daran muss sich der Körper ja auch erstmal gewöhnen.

Ich bin hier alleine, nachdem ich die letzten drei Wochen in Mexiko Stadt bei Freunden verbracht hab. Und wisst ihr was? Ich genieß das Alleinsein richtig! Wenn ich quatschen will, ja dann quatsch ich Leute an: z.B. den Süßigkeiten-Verkäufer an der Strandpromenade, den Souvenir-Verkäufer, oder aber auch andere Touris! Ein Pläuschchen mit dem Tour-Guide meiner kleinen Stadtrundfahrt war auch drin! Alberto, ein echter Steinzeit-Mexikaner! 🙂 Und dann war da auch noch der andere airbnb-Gast, eine Dame aus den USA, die spirituell unterwegs ist. Genau die richtige Person für mich momentan, um mir über meinen Weg bewusst zu werden. Was will ich überhaupt? Wo will ich hin? Wie sieht meine berufliche Zukunft aus? Man hört ja oft, dass sich Menschen auf Reisen verändern, blabla. Ich dacht mir immer, ja klar. Aber nein, auch mich hat’s jetzt erwischt. Ich hab das Gefühl, ich muss was anderes machen. Ich bin grad dabei herauszufinden, was das genau sein wird…

Wenn plötzlich die Erde bebt

Süßigkeiten am Strand verkaufen
Süßigkeiten am Strand verkaufen

Letzte Woche in Mexiko Stadt hatte ich dann wohl das schlimmste Erlebnis bisher. Die Story um den Mord im Nachbarzimmer war nichts im Vergleich. Gut, ich hatte Schiss bis zum Umfallen, aber… ich weiß nicht, ob ich während des Erdbebens Angst hatte. Ich erinnere mich nicht. Das war ein unbeschreibliches Gefühl, als ich verzweifelt versuchte, mir den Weg nach draußen zu bahnen… Ich saß auf der Couch, der Onkel meines Kumpels Rodrigo auf einem Schaukelstuhl und sein 10-jähriger Sohn auf einem Hocker. Die beiden waren fünf Minuten zuvor nach Hause gekommen. Eben wollten wir anfangen, Miguel’s Fotocollage für die Schule zu basteln, da merkte ich es, alles wackelte und zwar auf und ab und im Kreis. Voller Panik rief ich irgendwas auf französisch. Wieso zum Henker auf französisch?!? Sie guckten mich an, ich sagte auf spanisch:

Oh Gott, was passiert hier?

In diesem Moment merkte auch der im Schaukelstuhl sitzende Manuel (Onkel), dass etwas nicht stimmte. Ich stemmte mich hoch und versuchte nach draußen zu gelangen. Manuel nahm Miguel und mich bei der Hand. Das Gehen fiel mir schwer, denn alles unter mir bewegte sich. Ich konnte an nichts denken, ich weiß wie gesagt auch nicht mehr, wie ich mich fühlte. Mir war sicherlich schlecht. Ich schwankte hin und her, als hätte ich 10 Maß Bier getrunken. Ich hatte sicherlich Angst, hinzufallen, krallte mich an Manuel fest. Nach gefühlt einer Minute kamen wir draußen an, bewegten uns langsam an der Hausmauer entlang. Manuel blieb stehen. Ich blieb stehen und blickte auf die Straße. Ich beobachtete sein Auto, es bewegte sich 1 Meter hin und her. Der Tannenbaum im gegenüberliegenden Garten wackelte. Die Spitze bewegte sich von Hausmauer zu Hausmauer. Es wurde langsam schwächer. Der Alarm, der erst nach Einsetzen des Bebens zu hören war, verstummte. Die Erde bewegte sich noch immer leicht. Ich stand starr an der Hausmauer, konnte mich nicht bewegen. Wir standen noch ca. 5 Minuten draußen, ehe wir um 13.21 wieder im Haus waren. Ich setzte mich und zitterte. Ich zitterte am ganzen Körper. Ich wollte zu Hause Bescheid geben, ich wollte wissen, ob Rodrigo, Belen und Cesar (meine Freunde hier) und Rodrigos Tante (die zum Zeitpunkt des Erdbebens in der U-Bahn war) ok sind. Stromausfall. Kein Licht, kein Internet, Telefon tot, nur schwacher Wasserstrahl. Wir setzten uns ins Auto und hörten Radio. Genau vor 32 Jahren, auf den Tag genau, bebte die Erde ebenfalls. Damals kamen 15.000 Menschen ums Leben in Mexiko City. Das heutige Erdbeben sei wohl genauso schlimm gewesen. Häuser seien eingestürzt, in einer Schule seien Kinder verschüttet, eine Fußgängerbrucke sei zusammengebrochen. Immer noch kein Lebenszeichen von meinen Leuten. Immer noch nicht konnte ich Bescheid geben, dass ich lebe.

Es vergingen 1,5 Stunden ohne Strom. Sofort trudelten unzählige Nachrichten ein:

Kathi, geht’s dir gut?

Strand, Palmen, Meer, was will man mehr?
Strand, Palmen, Meer, was will man mehr?

Ja, ich war ok. Meinen Freunden ging es gut. Und als ich Mutti ans Telefon bekam, waren die Nachrichten noch nicht bis zu ihr vorgedrungen. Nach einem dreiminütigen Gespräch mit ihr, berichtete plötzlich auch die ARD. Gott sei Dank kam der Strom zurück bevor Mutti davon erfuhr…

Halb nackt auf der Straße

In den darauf folgenden Stunden und Tagen erschreckte ich des öfteren. Ich träumte von weiteren Erdbeben, ich interpretierte in jedes Klingeln den Erdbeben-Alarm hinein. Samstag Morgen 7.55 Uhr werde ich aus dem Schlaf gerissen. Ich höre den Alarm. Ich springe auf und renne nach draußen. Ohne Schuhe, nur mit meinem Schlafshirt bekleidet. Einige Sekunden später steht die ganze Familie neben mir auf der Straße. Erneutes Erdbeben. Ich zittere, bin fix und fertig. Ich spüre nichts. Das Erdbebenzentrum ist im Süden des Landes. Dort sind Auswirkungen zu spüren, in Mexiko City Gott sei Dank nicht.

Der Erdbebenalarm, der Ton, der mir wohl nie mehr aus dem Kopf gehen wird. Dieses Warn-Signal ist in der ganzen Stadt zu hören, sollte eigentlich 1 Minute vor Beginn des Bebens einsetzen. Meinen Nachforschungen zufolge war dies bei beschriebenem Erdbeben nicht der Fall, da das Epizentrum im Landesinneren war und die seismischen Sensoren sich jedoch nur in Küstennähe befinden. Aus diesem Grund wurde Mexiko City eiskalt erwischt. Es starben über 300 Menschen, mehr als 40 Gebäude stürzten ein.

Ich bin dankbar. Dankbar, dass weder mir noch meinen Freunden etwas passiert ist. Es war schrecklich, aber der 19. September 2017 war wohl noch nicht mein (mir unbekanntes) Ablaufdatum. Ich hab nämlich eine Mission, die ich erfüllen muss: Ich muss gesund werden, um anderen beim gesund werden helfen zu können…

Alles Liebe,

eure Kathi

PS: Bilder der Erdbeben-Schäden gibt’s nicht, die kennt ihr eh aus TV & Co.

PPS: Lebe jeden Tag als wäre es dein letzter…

Post Autor
Kathi

Kathi - immer fröhlich, gut gelaunt und meist mit einem Lächeln auf den Lippen anzutreffen. Verliebt in Spanien, leicht zum Lachen zu bringen, optimistisch und pünktlich...



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