Der Einbruch und das Ausreiseverbot des chilenischen Sams

Parque de azúcar, Chile. Heut ist es passiert. Ich hab ihn gefunden. Und ohne ihn kann ich jetzt nicht mehr. Ich hab den schönsten Ort der Welt entdeckt. Und gleichzeitig hab ich mich in Chile verliebt. Ich musste sogar kurz weinen, als ich da oben aufm Berg im pan de azúcar Nationalpark saß. Weinen vor Freude, vor Glück. Vor allem, weil ich diesen Moment mit meiner allerliebsten Freundin Agi teilen durfte. Wir sind in Chile und dürfen seit zwei Wochen nicht ausreisen. Wir sind gefangen. Gefangen im Paradies auf Erden.

Days travelled: 156
Distance travelled by car: 39.297 km (davon 3.157 in Chile)
Beds I slept in: 50 (includes cars & campers)
Countries: 7

Bequeme Busfahrt
Bequeme Busfahrt

Aber nun mal ganz von vorne. Neuseeland war langweilig, wir waren froh, als wir weg waren. Vor uns lagen 48 Stunden Reise. Geplant war ja eigentlich ein Autokauf in Argentinien, weshalb auch der Flug schon gebucht war. Tja, als Ausländer kann man aber wohl kein Auto kaufen dort. Also kann man, aber das mit der Ausreise ist unmöglich. Also flogen wir nach Buenos Aires und setzten uns anschließend 24 Stunden lang in den Bus, um mal eben 1.700km von Buenos Aires nach Santiago de Chile zurückzulegen. Die 10 € extra pro Person für einen Luxus-Sitzplatz haben sich dabei echt gelohnt. Super bequeme Schlafplätze. Schließlich war das Nacht #3 ohne Bett für uns (letzte Nacht in NZ im Auto aufm Campingplatz). Von der Buskultur hier in Südamerika könnte sich Europa mal ne Scheibe abschneiden. Sogar kleine Snacks gab’s. Jedenfalls sei dort in Chile der Autokauf easy. Tja, das war’s auch. Irgendwie… Oder auch nicht. Heute, exakt zwei Wochen nach dem Autokauf-Handschlag dürfen wir immer noch nicht ausreisen. Wieso? Das ist eine sehr, sehr lange Geschichte. Macht’s euch bequem.

Der Tag mit 36 Stunden

Als Ausländer braucht man die sog. RUT (numero de identificación tributaria) sowas wie eine chilenische Steuernummer), um ein Auto zu kaufen. Diese RUT gibt’s allerdings nicht so einfach. Dafür braucht’s nen chilenischen Staatsbürger, der für einen bürgt. Woher nehmen, wenn man keinen kennt? Tja. Tage und Wochen zuvor hab ich versucht, Freunde von Freunden von Freunden zu kontaktieren. Aber überzeug mal wen, den du über 3 Ecken (nicht) kennst, für dich wo zu unterschreiben. Und die Sache musste schnell über die Bühne gehen. Mittwoch Abend Abflug in Neuseeland, über eine Zeitreise in die Vergangenheit Mittwoch Nachmittag in Argentinien gelandet und Donnerstag Abend im AirBnB in Santiago de Chile eingecheckt. Ohne RUT-Bürgen. Ja, scheiße #1. Ich musste die RUT Freitag bekommen, anschließend ein Auto finden, kaufen und allerspätestens Dienstag wieder in Richtung Buenos Aires düsen. Schließlich würde meine beste Freundin Agi am Donnerstag dort ankommen. Stress pur also. Es hätte ja auch alles geklappt, wäre da nicht Carlos‘ kleines Geheimnis…

Jedenfalls hab ichs doch tatsächlich Donnerstag Abend noch geschafft, eine Chilenin zu organisieren, die Freitag Früh Zeit und Lust hat, sich den Behördengang mit uns anzutun. Das war die Cousine der Freundin unserer AirBnB-Vermieterin… Und dann verbrachten wir den gesamten Vormittag zwischen Finanzamt (SII-Servicio de los impuestos internos) und dem Notar (alles, ja alles muss in Chile beglaubigt werden)… Nach 2,5 Stunden hatte ich sie, die RUT. Das Blatt Papier, das mir in Chile so ziemlich alles ermöglicht.

Die Suche nach Sams

Schlüsselübergabe von Sams
Schlüsselübergabe von Sams

Wir also ein uber Taxi bestellt, ab zur Autovermietung, Auto für drei Tage gemietet – wollten ja ab Montag ein eigenes Auto haben. Also ein Autohaus nach dem anderen abgeklappert, mit einem Verkäufer sogar auf ein paar Hinterhöfe gefahren… Sehr bemüht, diese Chilenen. Der Freitag sowie der Samstag standen also unter dem Motto Auto finden. Haben sogar noch nen netten Carlos (nein, ein anderer Carlos) gefunden, der sich gut mit Autos auskennt und uns am Samstag begleitete, um mal über den I hält der Motorhaube drüberzuschauen. Samstag Abend, nach vielen Probefahrten, hatten wir ihn, Sams. Sams, unser kleiner großer Hyundai-Flitzer. Er ist zwar kein 4×4 (quatro por quatro) dafür aber ein Quattro Formagio 🙂 er bringt uns bisher überall hin – auch über die schlimmsten Straßen… Aber dazu mehr im nächsten Post – das würde die Länge dieses Posts sprengen 😉

– Also Carlos, ich bin Montag Früh mit dem Bargeld hier, wenn wir uns einigen!
– Gut. Dann gehn wir gemeinsam zum registró civil und am Nachmittag hast du alle Papiere, sodass du Dienstag Früh los kannst.
– So machen wir das!

Nach intensiven Verhandlungen (ja, auf Spanisch) hatten wir alles geregelt. Checker! Wir hatten ein Auto – innerhalb von nur zwei Tagen.

So sehr ich alles durchdacht hatte, so knüppeldick kam es dann. Scheiße #2 – die Sache mit dem Bargeld… In Chile kann man täglich nur 200.000 Pesos (ca. 300€) abheben. Das wussten wir, weshalb wir auch fleißig jeden Tag abhoben. Das würde aber niemals reichen bis Montag. Ja fuck! Also die mega Idee – wir überweisen unserer AirBnB Freundin das Geld, gehen Montag Morgen mit ihr zur Bank, heben es ab und fertig (Chilenen bekommen mehr). Leider nur halb fertig gedacht… Überweisungen dauern bis zu 4 Tage ins Ausland. Super! Scheiße #3! Und jetzt?

Carlos (unser Verkäufer, ja DER Carlos) willigte dann in eine Überweisung ein, wir waren happy. Bis er feststellte, dass das Geld ja nicht in Echtzeit bei ihm ankommt. Sowas wie ein Überweisungsbeleg zählt in Chile genau nix. Ja scheiße #4! Und jetzt?

Bevor er das Geld nicht aufm Konto hat, würde er das Auto nicht auf mich schreiben. Wir konnten es zwar gleich mitnehmen, aber ohne Papiere auf meinen Namen ist’s nix mit der Ausreise in ein anderes Land. Ja scheiße #5! Agi kommt in 3 Tagen nach Buenos Aires! Und jetzt?

Carlos und seine leeren Versprechungen

Ab da ging’s los. Wir bekommen die Papiere, sobald das Geld da ist. Also morgen, übermorgen, Montag, Dienstag, Montag… Und ich am Verzweifeln. Verdammt nochmal! Also Agis Flug umgebucht – es wurde schließlich auch immer unwahrscheinlicher, dass wir es noch diese Woche nach Buenos Aires schaffen. Ohne Papiere – schwierig. In Chile schreibt das registró civil nämlich ein Auto auf einen neuen Namen um. Erst dann ist alles korrekt. In Chile selbst kann man auch mit den Papieren des alten Besitzers durch die Gegend fahren.

7 Unterhosen und der Plastiktüten-Kulturbeutel

Die Klamotten wurden dann langsam auch knapp. Unser Gepäck lag (und liegt weiterhin) in Buenos Aires bei Carlos (noch ein anderer Carlos). Katja und ich hatten genau geplant: Gepäck für 7 Tage. Wir wollten ja nach 7 Tagen zurück sein in Buenos Aires. Tja, wir leben jetzt seitdem mit 3 Hosen/Röcken, 5 Shirts und Unterwäsche für 7 Tage. Unser Kulturbeutel ist eine Plastiktüte mit Zahnbürste, Zahncreme & Bürste. So konnten wir unseren kleinen Rucksak mit in den Bus nehmen und mussten nicht auf unsere großen Taschen im Gepäckraum aufpassen – bei jedem Halt. Also entspannt Reisen & schlafen.

Hilft alles nix. Man kann auch mit so wenig Gepäck auskommen. Es geht alles 🙂 Mussten uns nur leider neue Geschirrtücher, eine neue Schüssel usw. kaufen. Es liegt eben leider alles in Buenos Aires…

Oft heißt’s dann auch:

Katja/Kathi: Hey, das haben wir dabei!
Agi: Echt? Cool!
Katja/Kathi: Ja, in Buenos Aires…

Sei es eine Nagelschere, Fenistil-Gel, unsere Ndurukoro-Mützen, Ketchup, Pfeffer, Salz etc. 🙂

Quasi unser Running Gag 🙂

Na jedenfalls waren wir dann tagelang genervt, verzweifelt, warteten auf die Papiere – zusammen mit Agi. Santiago ist ja ganz schön – aber irgendwann reicht’s dann auch mal. So lange waren wir seit Beginn unserer Reise nicht mehr an einem Ort…

Die Ankunft des Geldes und weitere Versprechungen

Freitag war das Geld endlich da, Carlos versprach uns, dass er Druck machen würde. Die Papiere sollten Montag fertig sein. Montag: Die Papiere seien Dienstag soweit. Dienstag: Ach, das dauert noch bis nächsten Montag. Na herzlichen Glückwunsch. Es reichte uns. Wir hatten die Schnauze sowas von voll von den Chilenen, vom Verkäufer Carlos und generell von der Situation. Planänderung! Die können uns alle mal!

Das Werkstatt-Arschloch & der hilfsbereite Autoverkäufer (von dem wir nichts kauften)

Geplant war eine Tour durch Argentinien. Tja – das wird nix. An der Grenze würden sie uns womöglich festnehmen, einsperren. Was weiß ich. In den Süden Chiles können wir leider nicht, da brennt alles. Also ab in den Norden. Jawohl, Dienstag ging’s los. Und was wir seitdem alles erlebt haben, wieso ich vor Angst fast gestorben wäre, was in einem Tunnel alles passieren kann und warum genau ich mich jetzt in Chile verliebt habe, gibt’s dann die Tage zum Nachlesen!

Zuvor aber noch mehr Details zum Autokauf bzw. zum anschließenden Check in der Werkstatt. Ich stelle vor: das Werkstatt-Arschloch Alvaro. Alvaro wurde uns von Edi empfohlen. Edi ist einer der Autoverkäufer, die wir kennengelernt haben. Edi hat sich als sehr hilfsbereiter und netter Chilene herausgestellt, der uns seitdem bei Allem unterstützt und hilft! Danke! Zu Alvaro geht er jetzt aber wahrscheinlich auch nicht mehr 🙂

Bremsen-Check bei Sams
Bremsen-Check bei Sams

Jedenfalls wollten wir Sams nochmal durchchecken, bevor die große Reise startet. Ölwechsel, Bremsen etc. Alvaro hat von mir eine genaue Auflistung bekommen, was er machen soll. Unsympathischer Kerl von Anfang an. Für 5 kleine Handgriffe hat er dann gleich mal nen ganzen Tag gebraucht – und das obwohl wir extra einen Termin ausgemacht hatten. Er hätte u.a. alle Bremsen gecheckt – alles super, gutes Auto. Bereits zu dem Zeitpunkt war er pissig, weil wir keine neuen Scheibenwischerblätter wollten. Unsere wären kaputt etc. Nein, danke! Gut, wir bezahlen nen Haufen Geld, fahren keine 10 Meter und vernehmen ein Geräusch. Was ist das? Schnell zu Edi, auch Edi hört’s. Der Reifen war locker. Super. Alvaro behauptet vor Edi, er hätte nur einen Reifen abmontiert, um die Bremsen zu checken. Soso, interessant. Bei mir waren’s noch alle 4. Nur komisch, dass der hintere locker war und nicht der vordere, welcher angeblich abmontiert wurde. Ab dem Moment war’s dann vorbei mit meiner Nettigkeit! Und wer mich kennt weiß, dass ich eigentlich selbst zu den größten Arschlöchern nett bin.

Hallo? Er lügt mir ins Gesicht, verlangt einen Haufen Geld und lässt uns mit einem lockeren Reifen losfahren? Der spinnt doch!

Aber das war noch nicht alles! Zwei Tage später standen wir wieder bei ihm auf der Matte…

Der Einbruch und der Streit auf Spanisch

Sams wird aufgebrochen
Sams wird aufgebrochen

Als wir Sams noch keine 5 Stunden hatten, wurde er bereits aufgebrochen. Edi hatte den Autoschlüssel aufm Werkstatthof im Auto stecken lassen. Und nach 1 Minute hat sich das Auto abgesperrt. Tja, leider musste der (echt fesche) Mechaniker von Alvaro dann unser Auto aufbrechen… No comment. Nach 30 Minuten Draht-Gefummle war Sams wieder offen. Allerdings wollten wir, dass der Alarm überprüft wird. Irgendwas stimmte da nicht. Alvaro meinte am nächsten Tag, er hätte das Problem untersucht, bräuchte jedoch einen Experten, der sich das nochmal anschaut… Nein danke! Wir ziehen den Schlüssel einfach immer ab…

Wie auch immer. Weg von der Arschloch-Werkstatt, ab ins neue AirBnB, Auto ausräumen, Auto abschließen – geht nicht. Schloss spinnt. Super! Was soll der Mist jetzt? Nach einiger Zeit funktionierte es dann wieder. Am nächsten Tag hat Katja bissl im Schloss rumgefummelt – keine Probleme mehr. Naja, Donnerstag Morgen dann wieder. Scheiße #6 Was mach ich also? Ich ruf Arschloch-Alvaro an, ob er sich das Schloss nochmal angucken könnte… Klarooo!

Kaum sah er uns (zusammen mit unserer Edi-Verstärkung) wär ihm wahrscheinlich am liebsten das Kotzen gekommen. Er habe natürlich nix gemacht, er sei an nix Schuld. Da platzte mir der Kragen. Und ich hab zum ersten Mal auf Spanisch gestritten. Hab ihm Lügen vorgeworfen und die Sache mit dem Vertrauen zwischen ihm und mir in Frage gestellt…

Alarm-Check am chilenischen Straßenrand
Alarm-Check am chilenischen Straßenrand

Alvaro wollte natürlich helfen, nur das Beste für uns. Ja, vor allem das Beste für ihn: viel Geld.

Für ein Drittel seines Preises ließen wir das Schloss dann in einem Hinterhof tauschen. Dabei bin ich der festen Überzeugung, dass das Arschloch da was kaputt gemacht hat…

Sams war dann endlich fit, fit für die Reise. Es fehlte nur noch eine Versicherung. Und die Suche danach gestaltete sich auch alles andere als easy. Tagelanges Kopfzerbrechen, Einholen von spanischen Angeboten… Geworden ist’s jetzt eine Mercosur-Versicherung von Speiser Seguros, die diverse südamerikanische Länder abdeckt.

Was lange währt…

Sams unser Flitzer
Sams unser Flitzer

Und warum genau dauert die Sache mit den Papieren jetzt eigentlich so lange? Naja, nach einer Woche kam raus, dass Carlos das Auto von Hyundai direkt gekauft hatte und die Umschreibung auf seinen Namen wohl das Problem ist. Nicht die auf meinen Namen… Er hat uns quasi ein Auto verkauft, das noch nicht mal ihm gehörte… Dieses kleine winzige Detail hatte er mir irgendwie verschwiegen…

Heute (sorry, das Blog-Schreiben von Anfang bis Ende zog sich ein paar Tage) – genau 20 Tage nach dem Autokauf-Handschlag sind wir wieder unterwegs in Richtung Santiago (1.900km). Die Papiere sind wohl seit gestern fertig! Yuhuuuu 🙂 Es wird also doch noch alles gut. Wobei – wer weiß, welche Hiobsbotschaft noch auf uns wartet… Chile und die Chilenen sind immer für eine Überraschung gut.

Damit verabschiede ich mich von der ruta del desierto (Wüstenroute) mit Blick aufs Meer!

Eure chilenische Autobesitzerin Kathi

PS: Ich brauch eine Männermaske! (Auflösung folgt)

Post Autor
Kathi

Kathi - immer fröhlich, gut gelaunt und meist mit einem Lächeln auf den Lippen anzutreffen. Verliebt in Spanien, leicht zum Lachen zu bringen, optimistisch und pünktlich...



Kommentare

2 Comments
  1. posted by
    Vanessa
    Feb 11, 2017 Reply

    Wahnsinn, ich hätte niemals deine Ausdauer gehabt. Stattdessen hätte ich angefangen zu weinen und wäre wieder nach Hause geflogen – naja, eigentlich hab ich sogar sowas in der Art gemacht. Südamerika hat uns einige Dämpfer versetzt, so dass wir am Ende nach Hawaii geflüchtet sind, anstatt wie geplant den Weg nach Ecuador zu bestreiten. Hut ab vor deinem bzw. eurem Durchhaltevermögen!

    Liebe Grüße, Vanessa (vandatraveltheworld.wordpress.com)

    • posted by
      Kathi
      Feb 11, 2017 Reply

      Hey Vanessa. Danke dir! Glaub aber bitte nicht, dass ich nicht auch das ein oder andere Mal vor Verzweiflung geheult hab… 😉

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